35 Grad im Schatten



Sọnn|tag; (der) - Nach Vollendung seines sechstägigen Schöpfungsmarathons besah sich unser aller Erfinder am siebten Tag sein Werk vom Liegestuhl aus, einen alkoholfreien Cocktail schlürfend. So erzählt es die Überlieferung - beinahe - und seither ist der Sonntag der Tag der flächendeckenden Arbeitsniederlegung und des Müssiggangs. Angeblich betrachtete Gott sein Werk mit Wohlgefallen; er hat seinen Kontrollblick sicher nicht an einem heißen Sọm|mer|tag; (dem) umherschweifen lassen. Außerdem gab es zu seiner Zeit noch keine hitzebeständigen Großstadt-Backöfen und damit kein Glockenbachviertel, das sonntags bei 35 Grad im Schatten eine Art Rückwärts-Metamorphose durchlebt: vom quirligen, bunten Schmetterling zur sich behäbig dahinwälzenden Raupe.

Wer nicht unbedingt auf die Straße muss, lässt es. Damit fällt bereits die Hälfte der Viertelbewohner in ihrer Funktion als Einkaufende aus. Ein weiteres Viertel der Bewohner in Form von Erziehungsgeldbeziehern oder Voll­zeitmuttis und -pappis, die ihren Nachwuchs unter der Woche auf kindgerechten Freischankflächen die kostbare Luft des Sehens und Gesehenwerdens schnuppern lassen, fällt ebenfalls weg: Sonntags ist die Familie komplett und es wird gemeinsam ins Grüne und ins Blaue gefahren.
Die verbleibenden 25 Prozent Glockenbachviertler teilen sich weiter auf: In kluge Stubenhocker hinter jalousie- oder vorhangbewehrten Fenstern und damit in erträglich temperierten Räumen. Und in heroische Widerständler gegen einen schwedischen Astronom namens Celsius. Sie finden sich vereinzelt unter Spaziergängern und vermehrt unter den Markisen der Freischankflächen - auch für mich an manch hitzeflirrenden Sonntagen eine verheißungsvolle Zuflucht. Ein Freibrief für das Vermeiden unnötiger Bewegungen und die Erlösung stets in Griffweite - ein kaltes Bier! Es lacht mir entgegen. Wie die ersten Schlucke der Kehle kühlend schmeicheln, sich bis zur Körpermitte erfrischend weiter schlängeln! Ich lehne mich zurück und weiß: dies ist der einzig passende Ort, Herrn Celsius den Stinkefinger zu zeigen. Aber zwischen den Schlucken? Ich lausche in den Äther der Straßen: kein erotisches Klacken von High-Heels, an deren oberem Ende ein optischer Schmaus von Weiblichkeit winkt. Stattdessen Badelatschen, die in Zeitlupe vorüberschlurfen. Keine kniffligen Verkehrssituationen an der Kreuzung mit testosterongesteuerten Schimpftiraden aus heruntergefahrenen Fahrerfenstern. Kein Knäuel aus Fünftonner, Geländewagen und Smart und der Möglichkeit, auf den Sieger zu wetten. Es ist still, beängstigend still und das bisschen, was sich an Lebensgeräuschen auf die Straße traut, wird von einem lähmenden Hitzetuch gedämpft.

Meine zweite Halbe. Wer bringt es auf mehr Flüssigkeit am Tisch? Das Bierglas oder mein zerfließender Körper? Die Krähe in der Kastanie gegenüber hechelt. Hielte sie einen Wurm im Schnabel, sie ließe ihn sich ohne Gegenwehr stehlen: Bei 35 Grad braucht der Körper alle Reserven zur Klimaregulierung - da heißt es, jede unnötige Kraftanstrengung zu vermeiden. Ich kann es ihr nachfühlen: Mein frisch gefülltes Bierglas lacht mich nicht mehr an, es grinst mich an: Es weiß um seine Verführungskunst und meine schweren Arme. Mittlerweile bedeutet jede noch so kleine Bewegung eine schier übermenschliche Anstrengung. Ich bin der Edmund Hillary der Freischankfläche und das Weißbierglas ist mein persönlicher Achttausender. Um das Erreichen des Gipfels, nämlich einen Schluck daraus zu nehmen, werden sich keine Verlage und Fernsehsender prügeln. Aber ich werde es schaffen! Auch wenn mir niemand glaubt, dass der Weg zum Bierglas bei 35 Grad im Schatten und mit Bleiarmen einem Trip in der Todeszone gleichen kann.


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